SIEBEN ZOLL MUSIK Kolumne

PRESSURE - YOUR RAGE 7INCH

  • Label: Refuse Records, Demons Run Amok Records, Salad Days Records, Monument Records
  • Extras: Farbiges Vinyl (gelb transparent und blau), faltbares Textblatt mit jeder Menge Live-Fotos
  • Note: Pflichtkauf für SxE-Kids und Fans leidenschaftlichen Old-School-Hardcores

Das Quintett aus der südportugiesischen Kleinstadt Faro legt auf ihrer "Your Rage" 7" sechs mal lupenreinen Old-School-Straight-Edge-Hardcore im zeitgemäßem Gewand vor. Vom Bandnamen über das Layout bis hin zu den Nike-Sneakern und den Have-Heart-Shirts - Pressure haben sich die Punkte auf der Checkliste für eine zünftige Straight-Edge-7" wirklich zu Herzen genommen. Ein bisschen weniger Klischee hätte es meiner Ansicht nach auch getan, aber gut, was muss, das muss halt.

Auch musikalisch machen Pressure keine Experimente. Aber auch keine Gefangenen. In totaler Trendverweigerung zelebriert der Fünfer auf dieser Single den Sound von Bands wie Youth Of Today, Mouthpiece oder auch In My Eyes und führt damit eine Hardcore-Tradition fort, deren Vertreter mittlerweile leider vom Aussterben bedroht zu sein scheinen. Ganz ehrlich: 2011 gerade in Portugal eine Band zu entdecken, die mit feinstem Crucial-Response-Hardcore aufwartet und das Ganze als U-30-Truppe nicht aus Nostalgie heraus tut, hätte ich mir wirklich nicht träumen lassen. Die Songs selbst weisen ein durchweg sportliches aber nicht rasantes Tempo auf und werden von der markanten Stimme des Sängers (Typ: Ray Cappo auf kernig) und knackigen Riffs ohne nerviges Melodie-Gedudel geprägt. Auch mit Breakdowns und Crew-Vocals wird nicht gegeizt. Musikalisch passt hier einfach alles, was auch nicht überraschen sollte, waren die Jungs doch bereits in zahlreichen anderen Bands mit ähnlichem Sound aktiv. Besonders schnicke finde ich den Song "Crossed Out", der erst in echter NY-SxE-Manier samt Gitarrenriff mit Obertönen losbrettert, um dann nach einem Break in einen moshenden Midtempo-Part zu münden … Take a pill, follow the crowd, I stand against, I'm shouting it out loud, I'm crossed out … Herrlich!

Schön zu sehen auch, dass Refuse Records, Demons Run Amok und Konsorten nicht nur mit etablierten Größen wie Anchor, To Kill, Birds Of A Feather, Trapped Under Ice usw. arbeiten, sondern auch kleineren Bands eine Chance geben, die nicht gerade aus den HC-Hot-Spots kommen. Rundum eine tolle Platte, die nicht nur Peter Hoeren gut finden wird.


Um euch Pressure noch etwa näher zu bringen, habe ich ein kleines Interview mit ihrem Sänger, Diogo, gemacht, in dem er nicht nur allgemeine Fragen zu Band und Musik beantwortet, sondern unter anderem auch seine Sicht auf die Schuldenkrise in Portugal erläutert … nicht besonders tiefsinnig, aber doch interessant.

Hallo Diogo, könntest du uns bitte deine Band PRESSURE vorstellen und uns etwas über die Mitglieder erzählen, bitte? Es muss keine ausführliche Bandbio sein, ein paar grundlegende Infos reichen völlig aus.

Diogo: Hallo, also Pressure ist eine Hardcore-Band aus Faro, einer Stadt im Süden Portugals. Wir spielen bereits seit zwölf Jahren in verschiedenen Combos, sind alle Ende 20 und nach wie vor straight edge. Vor Pressure waren wir in Gruppen wie Pointing Finger, Get Lost, Broken Distance und Rat Attack aktiv. Momentan spielen ein paar von uns auch noch in einer Band namens Critical X Point. Unser Schlagzeuger hat eine Weile bei Timex und New Winds aus Lisabon und The Defence aus Barcelona die Stöcker geschwungen. Außerdem haben wir ein Label namens Take The Risk Records betrieben und vor einiger Zeit Salad Days Records aufgezogen, mit dem wir unsere neue Platte co-veröffentlicht haben. Auch Fanzines haben wir schon gemacht: Wake Up and Live zum Beispiel hat es insgesamt auf acht Ausgaben gebracht. Ein paar Mitglieder von Pressure organisieren auch Shows in unserer Gegend.

Im Grunde sind wir also einfach ein paar Kids, die Hardcore und das Drumherum über alles lieben. Wir sind alle berufstätig und arbeiten an unterschiedlichen Orten: am Flughafen, in einem Ferien-Ressort, in einer Apotheke und in einem Anwaltsbüro. Trotzdem kriegen wir es immer wieder hin, Zeit zusammen zu verbringen und auf Tour zu gehen.

Pressure besteht aus: Rafael Madeira, Schlagzeug // Valter Ascensão, Bass // David Rosado und Daniel Novais, Gitarre // Diogo, Gesang.

Seid ihr mit eurer neuen 7" zufrieden? Wie kam die Zusammenarbeit mit so vielen unterschiedlichen Labels zustande? Wie sehen eure Zukunftspläne aus?

Diogo: Es immer ein tolles Gefühl, eine Platte deiner eigenen Band in den Händen zu halten, aber ehrlich gesagt bin ich nicht so zufrieden mit dem Layout und dem Druck. Wir wollten die Platte unbedingt auf unserer Tour im April anbieten können. Da wir wussten, dass das Ding auf dem "normalen Weg" nicht fertig werden würde, mussten wir die ganze Sache selbst in die Hand nehmen. Glücklicherweise haben uns ein paar Freunde geholfen. Wir haben also die Platte von A bis Z selbst zusammengebastelt: Von der Bestellung der Platten beim Presswerk über den Coverdruck bei einer örtlichen Druckerei bis hin zum Kopieren der Textblätter.

Die Sache mit den Labels hingegen war ein Kinderspiel: Salad Days Records wird von unserem Gitarristen David betrieben, sodass seine Beteiligung ein logischer Schritt war. Den Johan von Monument Records kennen wir schon seit 2001, da er auch die Debüt-7" von Pointing Finger herausgebracht hat. Dann haben wir Marcel von Demons Run Amok angesprochen, der gleich begeistert war, und Robert von Refuse Records kennen wir auch schon eine ganze Weile. Da die vier Labels in verschiedenen Ländern aktiv sind, hat die Platte auch einen ganz guten Vertrieb.
Was die Zukunft angeht, nun, wir spielen Shows und schreiben neue Songs … im Grunde also das, war wir immer tun. Nächstes Jahr soll es dann eine neue 7" geben.

Wie ist das Leben so in Faro, und was treibt ihr in einer Stadt mit 40.000 Einwohnern, wenn ihr Spaß haben wollt?

Diogo: Eigentlich sind wir keine großen Partytiere, obwohl wir reichlich Gelegenheit dazu hätten: ¼ der Einwohner von Faro sind nämlich Uni-Studenten, sodass es ein vielseitiges Nachtleben gibt. Bei unserem Gitarristen Daniel ist es etwas anders, da er in Lisabon wohnt. Der Rest von uns treibt das Übliche: Zusammen abhängen, auf Shows gehen, Filme schauen, Fußball spielen, zu viel essen usw. Unser Bassist Valter ist Fußball-Hooligan, hahaha. Seine Fan-Gruppe nennt sich South Side Boys, sie supporten das Fußballteam von Faro, den Sporting Clube Farense.

Erzähl uns ein bisschen über die portugiesische Szene. Welche anderen Bands neben Day of the Dead und New Winds sollten die Leute noch auschecken?

Diogo: Ja, diese beiden Bands haben sich vor einigen Jahren aufgelöst. Momentan kann ich Reality Slap und ihre Platte auf Take The Risk Records empfehlen. Das sind meine Lieblinge innerhalb dieser neuen Generation von Bands. Dann gibt es noch For The Glory und Devil In Me, die beide ziemlich groß in Portugal sind. Darüber hinaus möchte ich euch noch folgende Bands ans Herz legen: Critical X Point, bei denen drei Leute von Pressure mitspielen, A Thousand Words, die auch aus dem Süden Portugals kommen und Kontrattack, die hier in der Gegend Legendenstatus besitzen. Auch gut sind: Steal Your Crown, Overcome, No Good Reason, Shape, Never Fail, Cold Blooded, The New Blood, Trust Fall Down … jede Menge exzellente Bands also.

Was motiviert euch eigentlich, Musik zu machen? Und warum spielt ihr gerade einen Style, der schon vor 20 Jahren perfektioniert wurde?

Diogo: Schwierige Frage … Im Grunde schreibe ich Songs, die ich selbst gerne hören würde, und ich mag nun mal weder langsamen Hardcore, noch diesen metallischen Sound. Das ist nicht mein Ding. Ich stehe eher auf schnellen Hardcore mit klassischen Break-Downs und energischen Mosh-Parts. Außerdem bin ich nicht der Meinung, dass diese Art Hardcore schon in der Ära 1987-1989 ihren Höhepunkt erreicht hat. Schau dir doch mal an, wie manche Bands aus dieser Szene ihren Sound weiterentwickeln und etwas wirklich Eigenständiges daraus machen - das finde ich immer wieder beeindruckend. Bands wie In My Eyes, Carry On, Right Brigade oder auch Have Heart haben diesen Old-School-Sound mit einer Reihe neuer Einflüsse kombiniert und etwas ganz Eigenes dadurch erschaffen. Das versuchen wir auch zu erreichen. Wir wollen nicht einfach nur die Kopie einer anderen Band sein. Natürlich gibt es viele Bands, die uns beeinflussen. Trotzdem glauben wir, dass wir unser eigenes Ding machen. Dabei ist es uns auch relativ egal, dass dieser Style momentan nicht gerade angesagt ist und es Leute gibt, die uns als einen weiteren Youth-Of-Today-Rip-Off abschreiben.

Welche Meinung habt ihr zur gegenwärtigen Schuldenkrise in Portugal und zu den Finanzhilfspaketen der EU? Habt ihr das Gefühl, auch persönlich von der Krise betroffen zu sein? Wenn ja, in welcher Weise?

Diogo: Natürlich bekommen wir das auch persönlich zu spüren. So muss ich zum Beispiel mehr Steuern bezahlen - sowohl mehr Einkommenssteuer, als auch eine höhere Mehrwertsteuer. Momentan herrscht hier eine Rezession, und die Arbeitslosenzahlen steigen weiter. Wir haben eine "sozialistische" Regierung - zumindest bezeichnen sie sich selbst als Sozialisten - und unser Premierminister ist ein absoluter Trottel. In den vergangenen sechs Jahren hat diese Regierung genau zwei Dinge gemacht: Sie hat Kredite im Ausland aufgenommen und Steuergelder kassiert. Mehr haben sie einfach nicht auf die Reihe bekommen. Der Staatsapparat ist einfach gigantisch - fast eine Million Angestellte des öffentlichen Diensts bei zehn Millionen Einwohnern! Erschwerend kommt hinzu, dass wir praktisch nichts produzieren. Portugiesische Produkte werdet ihr vergebens in euren Läden suchen. Anstatt also den Staatsapparat mit seinen vielen Beschäftigten auf das Notwendigste zu reduzieren, wiederholt unsere Regierung das ewig gleiche Mantra von: "Alles okay ... das ist alles nur die Folge einer großen internationalen Krise, die irgendwann schon von selbst verschwinden wird." Der Premierminister war der Meinung, dass wir keine Hilfe brauchten und hat sich quasi aus der Verantwortung gestohlen, indem er sich von der Opposition aus dem Amt wählen ließ. Im Juni gibt es jetzt Neuwahlen, und der Premierminister hat nichts besseres zu tun, als sich als Opfer hinzustellen und zu behaupten, es wäre alles die Schuld der Opposition. Das Schlimmste daran ist: Die Leute kaufen es ihm ab! Die Krise in Portugal hat jetzt ein beachtliches Ausmaß erreicht. Es geht nicht mehr nur um die Banken oder den Immobiliensektor - die Krise ist mittlerweile auf allen Ebenen angekommen. Die Regierung gibt einfach viel mehr Geld aus, als sie durch Steuern einnimmt und verschleudert es für Riesenprojekte wie Autobahnen und öffentliche Gebäude. Dabei gelten "feste" Verträge, die in besseren Zeiten mit den Auftragsnehmern abgeschlossen wurden und nun nicht mehr anpassbar oder kündbar sind. Von der Regierung kann man keine Maßnahmen erwarten, die wieder Geld in die Kassen bringen oder die Wirtschaft sanieren würden. Hinzu kommt die Korruption, die aufgrund des langsamen und nicht funktionierenden Rechtssystems mittlerweile allgegenwärtig ist.

Mit diesen Hilfspaketen werden die Steuern nun noch weiter steigen, auch der Staatsapparat wird weiterhin so riesig bleiben. Die einfachen Menschen allerdings werden immer ärmer. Toller Deal.

Könnt ihr bitte die folgenden Stichwörter mit ein oder zwei Sätzen kommentieren?

-- Facebook: Ein großartiges Tool, um mit anderen Leuten in Verbindung zu bleiben. Da kann man seine ganze Kindergartengruppe ausfindig machen, weil es einfach jeder benutzt. Irgendwie ist es aber schon schräg, wie manche Leute jedes Detail ihres Lebens preisgeben. Das hat etwas von Big Brother, nur auf freiwilliger Basis eben.

-- Myspace: Das war mal ein unschlagbares Tools für Bands. Da konnte man Leute adden und sich so eine Fanbase aufbauen. Außerdem konnte man seine Musik vorstellen, News verbreiten und Merch bewerben.

-- Straight Edge: Eine einfache aber sehr kraftvolle Idee, eine Reaktion auf den gesellschaftlichen Gruppendruck und die Industrie. Außerdem ist es gesund. Allerdings ist es komisch, wenn Leute da so obsessive Tendenzen bei einer Sache entwickeln, die sich ursprünglich gegen Formen zwanghaften Verhaltens gerichtet hat.

-- Veganismus: Ich selbst bin nicht vegan, aber ich finde es toll, wenn Leute das für die Tiere und die Umwelt machen. Gesund, wenn du es richtig angehst. Mist, wenn du es nur tust, um ein Vegan-Shirt zu tragen oder andere zu beeindrucken.

-- Politische Themen im Hardcore: Wenn das so einen Agenda-Charakter hat, bin ich kein großer Freund davon. Sicherlich braucht diese Welt Revolutionäre, aber ich denke, dass es eine Zeitverschwendung ist, wenn sich diese Leute auf eine Hardcore-Band beschränken. Wenn man eine Agenda hat, dann sollte man auf die Menschen zugehen, um ihnen seine Politik zu vermitteln und nicht bei ein paar HC-Kids Halt machen. Meiner Meinung nach haben fast alle Dinge einen politischen Aspekt. Wenn eine Hardcore-Band also über etwas singt, das ihnen am Herzen liegt, kann das auch eine politische Komponente haben bzw. politisch interpretiert werden. Das finde ich cool. Wenn du aber einfach nur über das Kyoto-Protokoll oder ein Steuergesetz singst, würde mich das wahrscheinlich weniger interessieren.

-- Nike-Sneaker: Ich stehe nicht so auf Marken. Ich habe ein Paar Fußballschuhe von Nike und früher hatte ich auch mal ein Paar Sneaker von denen. Aber genauso hatte ich mal Vans, New Balance oder andere Marken. Für mich ist dieser Markenwahn nicht nachvollziehbar.

-- Reunion-Shows/-Touren von Bands aus den 80ern/90ern: Ich finde das in Ordnung. Vor ein paar Wochen habe ich Youth Of Today gesehen und vor ein paar Jahren Gorilla Biscuits, Civ und Breakdown. Solche Konzerte machen mir zwar Spaß, aber das war's auch schon. Ich meine, da spielen ein paar Vierzigjährige die Songs, die sie vor 20 Jahren geschrieben haben … das ist okay, aber ich empfinde da nicht dieses zwingende und leidenschaftliche Gefühl, das mich bei Shows von Bands überkommt, die heutzutage aktiv sind, bzw. bei Shows meiner eigenen Band.

-- Musik abseits von Hardcore/Punk, die ihr mögt: Hauptsächlich Rock oder Alternative Rock, also Weezer, Foo Fighters, Muse, Jimmy Eat World, The Sounds, Kings Of Leon, The Killers, Silversun Pickups …

-- All Time Favs: Gorilla Biscuits - Start Today, 7 Seconds - The Crew, Cro-Mags - Age of Quarrel, Youth Of Today - Break Down the Walls, American Nightmare - Background Music.

-- Momentane Favs: Rival Mob - Hardcore for hardcore EP, Critical X Point - Trial and Error EP, Turnstile - Pressure to succeed, Wrong Answer - The wrong way and Evolve - s/t EP.

-- Abschließende Kommentare/Grüße: Danke für das Interview, Daniel. Grüße gehen raus an Demons Run Amok, Robert von Refuse Records in Berlin, die Hoods Up-Leute aus Hamburg und alle unsere Freunde in Deutschland.

Hier könnt ihr unsere Musik auschecken:
pressure.bandcamp.com | xpressurex.bigcartel.com

So könnt ihr mit uns in Kontakt treten:
www.facebook.com | xpressurehcx@gmail.com

 

Bilder/Credits: pressure (band)

xschmelzerx
Autor: xschmelzerxRegistriert: 19.11.2010 - Verfasste Artikel: 70 - Forenposts: 63 - Alle Artikel anzeigen
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